1. Executive Summary
Neuere Forschungen und Richtlinien betonen, dass sich ADHD und traumabedingte Störungen (PTSD und komplexe PTSD nach ICD-11) im Alltag oft sehr ähnlich äußern. Beide können mit Unaufmerksamkeit, Impulsivität, emotionaler Dysregulation/Reizbarkeit, Schlafstörungen und einer dem Hyperarousal ähnelnden Ruhelosigkeit einhergehen, was ein erhebliches Risiko für Fehldiagnosen in beide Richtungen birgt.[1–4]
Der konsistenteste und nützlichste klinische Unterscheidungsfaktor bleibt der zeitliche Verlauf und der Kontext: ADHD-Symptome beginnen definitionsgemäß in der Kindheit (vor dem 12. Lebensjahr) und treten relativ konstant in verschiedenen Lebensbereichen auf. PTSD-Symptome hingegen setzen eine Traumaexposition voraus und intensivieren sich häufig in triggerbezogenen Kontexten (Erinnerungen, wahrgenommene Bedrohung), einschließlich Wiedererlebens- und Vermeidungssymptomen, die für ADHD untypisch sind.[1, 5–7]
Komorbiditäten sind so häufig, dass ein „Entweder-oder“-Ansatz oft unzutreffend ist. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 schätzte die ADHD-Prävalenz bei Menschen mit PTSD auf etwa 28% und die PTSD-Prävalenz bei Menschen mit ADHD auf etwa 36%. Dies spricht für ein routinemäßiges Screening auf beide Erkrankungen, sobald der Verdacht auf eine von ihnen besteht.[8]
Neuere empirische Arbeiten zeigen zudem, dass eine Traumaexposition die Angabe von Symptomen und das klinische Profil so beeinflussen kann, dass die ADHD-Diagnostik erschwert wird: Bei im Kampf eingesetzten Post-9/11-Veteranen (n=332) war ein positives Screening auf ADHD in der Kindheit (WURS-25) mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine PTSD im Laufe des Lebens (PR=2.53) sowie für eine aktuelle PTSD (PR=2.19) assoziiert. Gleichzeitig war die Übereinstimmung zwischen den verschiedenen ADHD-Messinstrumenten gering, was die Notwendigkeit einer Multimethoden-Diagnostik und einer sorgfältigen entwicklungsbezogenen Absicherung bei Vorliegen eines Traumas unterstreicht.[9, 10]
In pädiatrischen Settings mit hoher psychosozialer Belastung legen große Analysen des öffentlichen Systems aus dem Jahr 2026 einen abgrenzbaren „ADHD + ACE“-Phänotyp nahe. Dieser ist weniger durch isolierte Aufmerksamkeitsbeschwerden als vielmehr durch bindungsbezogene Bedürfnisse, Trauer-/Trennungsaspekte sowie ein breiteres Spektrum an Dysregulationen und Risikoverhalten gekennzeichnet. Dies deutet darauf hin, dass eine traumainformierte Fallformulierung die Behandlungsansätze und Prioritäten von Klinikern maßgeblich verändern kann.[11, 12]
2. Warum ADHD und Traumata verwechselt werden
Die Verwechslung resultiert daraus, dass beide Zustände sich überschneidende Verhaltensweisen und subjektive Erfahrungen hervorrufen können – wie Konzentrationsschwierigkeiten, Ruhelosigkeit, Impulsivität, Reizbarkeit, Schlafstörungen und emotionale Dysregulation. Ein Beobachter nimmt daher möglicherweise lediglich ein „abgelenktes und reaktives“ Verhalten wahr, ohne genaue Informationen über die zugrundeliegenden Ursachen und Trigger zu haben.[1–3, 13]
Mehrere Quellen beschreiben spezifische Mechanismen, durch die sich Traumasymptome als ADHD „maskieren“ können: Hypervigilanz kann wie Unaufmerksamkeit wirken, und intrusive Erinnerungen können sich als Ablenkbarkeit oder Schwierigkeiten bei der Befolgung von Anweisungen äußern. Dies kann dazu führen, dass eine PTSD fälschlicherweise als ADHD diagnostiziert wird (oder eine PTSD übersehen wird, wenn davon ausgegangen wird, dass ADHD die alleinige Erklärung für alle Symptome ist).[14]
Das Problem der Überschneidung ist bei Kindern besonders ausgeprägt, da sich traumabedingtes Hyperarousal und Wiedererleben wie Hyperaktivität/Impulsivität und unaufmerksame ADHD äußern können. Die Vermeidung von Trauma-Triggern ist hier ein Unterscheidungsmerkmal, das jedoch übersehen werden kann, wenn Kliniker nicht gezielt nach Trauma-Reizen und Vermeidungsmustern fragen.[7]
Selbst bei Kleinkindern kann das Symptombild unspezifisch sein; die in einem klinischen Leitfaden von 2025 zitierte DSM-5-TR-Beschreibung weist darauf hin, dass sich eine PTSD bei Kindern unter sechs Jahren durch Ruhelosigkeit, Reizbarkeit und Unaufmerksamkeits- bzw. Konzentrationsprobleme äußern kann, die eine ADHD imitieren können. Dies bekräftigt die Notwendigkeit einer entwicklungsorientierten, traumainformierten Diagnostik anstelle einer reinen Symptomzählung.[15]
3. Klinische Differenzierung
Symptomverlauf und Kontext
Die klinische Differenzierung in den Arbeiten von 2024–2026 konzentriert sich auf einige wenige, hochrelevante Fragen: (1) Bestanden die Symptome bereits in der Kindheit und in verschiedenen Lebensbereichen? (2) Traten die Symptome erst nach einer Traumaexposition auf? (3) Sind die Symptome an Trigger wie Erinnerungen oder Bedrohungskontexte gebunden? (4) Liegen PTSD-spezifische Cluster (Intrusion, Vermeidung, traumatisches Hyperarousal/Hypervigilanz) oder Störungen der Selbstorganisation im Sinne einer CPTSD nach ICD-11 vor?[1, 6, 16, 17]
In klinischen Leitlinien und veteranenbezogenen Daten wird der zeitliche Verlauf immer wieder betont: Bei der Abgrenzung von ADHD von anderen Erkrankungen sollten Kliniker den Kontext und den zeitlichen Verlauf der Symptomatik in den Vordergrund stellen. Es wird erwartet, dass ADHD-Symptome vor dem 12. Lebensjahr auftreten und in mehreren Lebensbereichen unabhängig von spezifischen Stressoren bestehen.[6, 16]
Im Gegensatz dazu werden traumabedingte Aufmerksamkeitsstörungen oft als triggerabhängig beschrieben, da sie sich in der Nähe von Erinnerungsreizen oder wahrgenommenen Bedrohungen verschlimmern. Dieses Muster kann helfen, eine traumatisierte Unaufmerksamkeit von der eher situationsübergreifenden Unaufmerksamkeit abzugrenzen, die für ADHD typisch ist.[6]
PTSD-spezifische Marker
Eine Traumaexposition ist eine notwendige Bedingung für eine PTSD. Die Bestätigung einer solchen Exposition (gefolgt von der Bewertung der PTSD-Symptomcluster) ist daher ein zentrales Unterscheidungsmerkmal bei der klinischen Fragestellung „ADHD oder Trauma“.[5]
Zu den PTSD-definierenden Merkmalen, die wiederholt als Unterscheidungsmerkmale hervorgehoben werden, gehören das Wiedererleben (Flashbacks/intrusive Erinnerungen), die Vermeidung von Trauma-Triggern und eine traumatisierte Hypervigilanz. Diese Merkmale sind für eine ADHD nicht charakteristisch, auch wenn beide Erkrankungen mit Konzentrationsstörungen und Veränderungen des Arousals einhergehen können.[1, 3, 7, 14]
CPTSD-spezifische Marker
Die komplexe PTSD (CPTSD) nach ICD-11 erfordert sowohl PTSD-Symptome als auch „Störungen der Selbstorganisation“ – d. h. Probleme bei der Affektregulation, ein negatives Selbstkonzept und Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung von Beziehungen. Diese können der ADHD-assoziierten emotionalen Dysregulation ähneln, sind jedoch explizit an die Folgen eines langanhaltenden Traumas und eine traumabezogene Symptomkonstellation gebunden und nicht allein auf eine neuronale Entwicklungsstörung der Aufmerksamkeit zurückzuführen.[17]
Klinisch kann eine CPTSD auch dann übersehen werden, wenn sich Behandler auf ein enges PTSD-Symptomprofil verlassen. Konzeptionelle Leitfäden weisen darauf hin, dass eine CPTSD auch ohne ausgeprägte PTSD-Hauptmerkmale auftreten und nicht das gesamte Spektrum an PTSD-Symptomen umfassen muss. Dies impliziert die Notwendigkeit einer differenzierten Diagnostik, anstatt davon auszugehen, dass die Erfüllung der PTSD-Kriterien immer die Voraussetzung für die Identifizierung eines komplexen Traumas ist.[18]
Erkenntnisse aus neueren empirischen Phänotypisierungen
Dissoziation scheint eine klinisch relevante „dritte Variable“ zu sein, welche die Symptomatik sowohl bei ADHD als auch bei PTSD verkomplizieren kann. In einer Allgemeinbevölkerungsbefragung aus dem Jahr 2025 (n=400) folgte die Schwere der dissoziativen Symptome einem hierarchischen Muster über die Profile hinweg (ADHD > PTSD > ACEs) und war bei gleichzeitigem Auftreten von ADHD und PTSD (oder ADHD und ACEs) ausgeprägter. Korrelationen zeigten zudem, dass Dissoziation stark mit der ADHD-Schwere assoziiert war (z. B. DES-II mit dem ASRS total ), neben Assoziationen mit Trauma-Messwerten.[19]
Bei Erwachsenen, die zur ADHD-Diagnostik überwiesen wurden (2026; n=264), prädizierten ACEs retrospektiv die ADHD-Symptome in der Kindheit (insbesondere Unaufmerksamkeit und Impulsivität), während aktive PTSD-Symptome die Impulsivität im Erwachsenenalter (nicht aber andere ADHD-Symptomdimensionen) prädizierten. Weder ACEs noch PTSD-Symptome prädizierten Hyperaktivität. Dieses Muster spricht dafür, Symptomdimensionen und deren zeitlichen Verlauf zu erfassen, anstatt eine einzige Ursache für „Unaufmerksamkeit/Impulsivität“ anzunehmen.[20]
Bei Kindern mit einer bereits diagnostizierten ADHD (2026; n=10.869) zeigten multivariate Modelle, dass traumabezogene Domänen wie traumatische Trauer/Trennung (OR=3.29), Bindungsschwierigkeiten (OR=2.03) und sexuell reaktives Verhalten (OR=2.62) eine ADHD+ACE-Subgruppe eindeutig abgrenzten. Dagegen waren Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten negativ mit der ADHD+ACE-Klassifikation assoziiert, sobald andere traumabezogene Bedürfnisse gemeinsam modelliert wurden. Dies deutet darauf hin, dass ausgeprägte Aufmerksamkeitsbeschwerden relativ gesehen charakteristischer für eine reine ADHD („ADHD-only“) sein könnten, wenn eine breitere traumabezogene Dysregulation berücksichtigt wird.[11]
Die folgende Tabelle fasst praktische Unterscheidungsmerkmale zusammen, die durch Quellen aus den Jahren 2024–2026 gestützt werden.
| Dimension | ADHD-Muster | PTSD-Muster | CPTSD-Muster |
|---|---|---|---|
| Beginn und Verlauf | Symptome werden vor dem 12. Lebensjahr und in mehreren Lebensbereichen erwartet, relativ unabhängig von spezifischen Stressoren.[6] | Setzt Traumaexposition voraus; Symptome treten infolge belastender Ereignisse auf und sind häufig an Trigger (Erinnerungen/wahrgenommene Bedrohung) gebunden.[5, 6] | Erfordert PTSD-Symptome plus Störungen der Selbstorganisation, die mit langanhaltenden Traumafolgen verbunden sind.[17] |
| Leitsymptome | Exekutive Dysfunktion/Unaufmerksamkeit kann im Vordergrund stehen; die Diagnostik sollte sich auf den zeitlichen Verlauf/Kontext konzentrieren, um eine Verwechslung von ADHD mit anderen Ursachen für Konzentrationsprobleme zu vermeiden.[6, 16] | Intrusive Erinnerungen/Flashbacks und die Vermeidung von Triggern sind wesentliche Unterscheidungsmerkmale zu ADHD.[1, 3, 7] | Für die Diagnose sind neben PTSD-Symptomen eine Affektdysregulation sowie ein negatives Selbstkonzept und Beziehungsschwierigkeiten erforderlich.[17] |
| Mechanismen, die wie ADHD wirken („Looks like ADHD“) | Unaufmerksamkeit/Ruhelosigkeit kann als Baseline in allen Kontexten vorliegen.[6] | Hypervigilanz kann wie Unaufmerksamkeit wirken, und intrusive Erinnerungen können einer Ablenkbarkeit oder Schwierigkeiten bei der Befolgung von Anweisungen ähneln.[14] | Leitlinien zu komplexen Traumata betonen eine transdiagnostische, kontextreiche Diagnostik, da Traumabiografien ein breites Spektrum an Symptomen über eine reine PTSD hinaus hervorrufen können.[21] |
4. Neurobiologischer Vergleich
Direkte neurobiologische Evidenz zum direkten Vergleich („Head-to-Head“) ist in den vorliegenden Materialien aus den Jahren 2024–2026 noch relativ spärlich. Neuere Synthesen betonen jedoch sowohl die Konvergenz als auch die Gefahr, eine Überschneidung fälschlicherweise als Identität zu interpretieren.[4, 22]
Eine Scoping-Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 stellt fest, dass ADHD im Erwachsenenalter und PTSD nicht nur klinische Merkmale teilen (z. B. Unaufmerksamkeit, Ruhelosigkeit, emotionale Instabilität), sondern auch „in ähnlichen Störungen frontolimbischer Netzwerke konvergieren“ können. Dies kann die diagnostischen Grenzen verwischen, wenn Kliniker eine Diagnose allein aus einer unspezifischen kognitiv-affektiven Dysregulation ableiten.[4]
Gleichzeitig zeigte eine Studie an einer ADHD-Stichprobe aus dem Jahr 2026, dass die exekutive Funktion der stärkste und konsistenteste Prädiktor sowohl für Unaufmerksamkeit () als auch für Hyperaktivität-Impulsivität () war, während Kindheitstraumata in ihren Modellen nicht signifikant waren. Dies legt nahe, dass bei einer klinisch diagnostizierten ADHD Maße der exekutiven Funktion einen höheren Erklärungswert für die Varianz der ADHD-Kernsymptome liefern als retrospektive Traumavariablen (auch wenn Traumata für Komorbidität und Beeinträchtigung weiterhin von Bedeutung sein können).[23]
Neurobiologische Rückschlüsse sollten unter Berücksichtigung von Leitfäden zum Traumakontext relativiert werden. Diese betonen, dass die Heterogenität von Traumaereignissen und Kontextfaktoren (z. B. Häufigkeit, Zwangsmaßnahmen, Beziehungsrahmen, Entwicklungszeitpunkt) das Risiko und die Folgen von PTSD/CPTSD beeinflussen können. „Traumafolgen“ stellen somit keine einheitliche neurobiologische Signatur dar, die in allen Fällen sauber von ADHD abgegrenzt werden kann.[22]
5. Komorbidität und Fehldiagnose
Neuere Übersichtsarbeiten weisen darauf hin, dass Komorbiditäten häufig und klinisch bedeutsam sind: Eine systematische Übersichtsarbeit von 2025 schätzte die ADHD-Prävalenz bei PTSD auf etwa 28% und die PTSD-Prävalenz bei ADHD auf etwa 36%. Dies bedeutet, dass viele Patienten rechtmäßig die Kriterien für beide Störungen erfüllen und nicht in eine einzige Diagnose gepresst werden sollten, wenn die Evidenz für eine duale Diagnostik spricht.[8]
Geschlechtsunterschiede können ebenfalls die diagnostische Aufmerksamkeit beeinflussen. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2025 fand bei Frauen ein höheres Risiko für eine komorbide ADHD/PTSD als bei Männern (OR=1.32), wobei sich dieser Geschlechtsunterschied in Erwachsenenstichproben zeigte (OR=1.41) und in Studien, in denen ADHD die Primärdiagnose war und strukturierte klinische Interviews eingesetzt wurden, wahrscheinlicher war.[24]
Populationen mit hoher Komorbidität verdeutlichen, wie Komorbiditäten die diagnostische Erfassung verzerren können. Bei Post-9/11-Veteranen erfüllten 9.0% die Kriterien für sowohl ADHD als auch PTSD und 44.3% hatten ausschließlich eine PTSD. Gleichzeitig zeigte die ADHD-Erfassung eine geringe Übereinstimmung zwischen dem retrospektiven ADHD-Screening für die Kindheit (WURS-25), einer früheren ADHD-Diagnose und dem ADHD-Screening im Erwachsenenalter (ASRS-v1.1). Dies bekräftigt, dass eine ADHD-Diagnose in traumatisierten Populationen eine sorgfältige Absicherung und Differenzialdiagnose erfordert, statt sich auf ein einziges Selbstbeurteilungsinstrument zu verlassen.[9]
Eine Komorbidität beeinflusst auch die Behandlungsmuster auf eine Weise, die eher diagnostische Unsicherheit oder Risikomanagement als eine symptomorientierte Optimierung widerspiegelt. In einer TriNetX EHR-Kohorte von Jugendlichen mit ADHD aus dem Jahr 2026 war eine komorbide PTSD mit einer häufigeren Anwendung von Nicht-Stimulanzien (RR 1.54) und Psychotherapie (RR 1.55) sowie einer geringfügig selteneren Verschreibung von Methylphenidat (RR 0.97) assoziiert. Die Autoren merkten an, dass Behandler Stimulanzien nach einer PTSD-Diagnose offenbar nachrangig behandeln, trotz Belegen für bessere Behandlungsergebnisse.[25]
Schließlich deuten mehrere Studien darauf hin, dass eine Traumaexposition bei Jugendlichen, die zur entwicklungsneurologischen Diagnostik überwiesen werden, häufig vorkommt und zu einem „diagnostischen Überschatten“ (Diagnostic Overshadowing) führen kann. Eine schwedische kinderpsychiatrische Stichprobe aus dem Jahr 2026 berichtete über ein hohes Maß an Exposition gegenüber potenziell traumatischen Ereignissen und posttraumatischen Stresssymptomen bei Kindern, die zur ADHD-/Autismus-Diagnostik überwiesen wurden, was ein systematisches Trauma-Screening in diesen Versorgungspfaden nahelegt.[26]
6. Empfehlungen für die Diagnostik
Basierend auf der hier zusammengefassten Evidenz aus den Jahren 2024–2026 ist der fundierteste Ansatz eine multimethodische, primär am zeitlichen Verlauf orientierte und traumainformierte Differenzialdiagnostik. Diese sollte explizit konkurrierende Erklärungen für Aufmerksamkeitsstörungen und Dysregulationen prüfen, anstatt aufgrund überschneidender Symptome voreilig von einer einzigen Diagnose auszugehen.[9, 16, 27]
Erstens: Wenn eine PTSD im Raum steht, bestätigen Sie die Traumaexposition und führen Sie frühzeitig ein Screening durch. Da eine Traumaexposition für eine PTSD zwingend erforderlich ist, empfehlen Leitlinien, zuerst darauf zu screenen. Zu den validierten pädiatrischen Trauma-Screening-Instrumenten gehören der Trauma History Questionnaire (THQ) und der Child Trauma Screen (CTS), gefolgt von einer weiterführenden Diagnostik, um festzustellen, ob Verhaltensweisen auf Traumastressoren oder auf eine andere neuropsychiatrische Erkrankung zurückzuführen sind.[5]
Zweitens: Setzen Sie Symptome explizit in Beziehung zu Kontext und Triggern. Leitlinien heben hervor, dass ADHD-assoziierte Aufmerksamkeitsstörungen in verschiedenen Situationen meist relativ konstant sind, während traumabedingte Schwierigkeiten häufig triggerabhängig sind und sich bei Erinnerungsreizen oder wahrgenommener Bedrohung verstärken. Die Operationalisierung dieser Unterscheidung im klinischen Interview (und in Fremdbeurteilungen) ist ein praktikabler Weg, um Falsch-Positiv-Diagnosen zu reduzieren.[6]
Drittens: Verankern Sie die ADHD-Diagnostik in einer entwicklungsbezogenen Absicherung. Erkenntnisse aus Veteranen-Stichproben betonen, dass bei der ADHD-Abklärung das Erstauftrittsalter und der zeitliche Verlauf berücksichtigt, häufige komorbide Störungen wie PTSD erfasst und nicht auf ein einziges ADHD-Screening-Instrument vertraut werden sollte. Dies deckt sich mit der generellen Forderung nach einer umfassenden Diagnostik und einer unabhängigen Absicherung der Entwicklungsgeschichte, um Fehldiagnosen zu vermeiden, wenn Differenzialdiagnosen unzureichend berücksichtigt werden.[9, 10, 28]
Viertens: Nutzen Sie nach Möglichkeit strukturierte, störungsspezifische Instrumente. Klinische Fortbildungsleitfäden empfehlen strukturierte Diagnoseinstrumente wie das CAPS-5 für PTSD und das DIVA-5 für ADHD, um die Differenzierung beider Störungen zu unterstützen, unter gleichzeitiger Beachtung von Kontext/Triggern und der Frage, ob ADHD-Symptome vor dem 12. Lebensjahr vorlagen.[29]
Fünftens: Wenn der Verdacht auf ein komplexes Trauma besteht, blicken Sie über reine PTSD-Checklisten hinaus. Die APA-Leitlinie zu komplexen Traumata betont die Trauma-Heterogenität sowie Kontextfaktoren und empfiehlt ein transdiagnostisches Konzept, da keine einzelne Diagnose die Folgen wiederholter traumatischer Stressoren vollständig erfassen kann. Dies spricht dafür, Stimmung, Dissoziation, Substanzkonsum, Suizidalität, Affektdysregulation und Beziehungsfähigkeit im Rahmen der Differenzialdiagnostik zu untersuchen, statt „PTSD vs. ADHD“ als einzige Weggabelung zu betrachten.[21, 22, 30]
7. Kontroversen und Forschungslücken
Eine zentrale Einschränkung der neuesten Evidenz besteht darin, dass ein Großteil der verfügbaren Differenzierungsforschung auf Querschnittsstudien basiert. Dies schränkt kausale Rückschlüsse darüber ein, ob Traumata zu ADHD-ähnlichen Symptomen beitragen, ob ADHD das Traumarisiko erhöht oder ob beide auf gemeinsame Vulnerabilitäten zurückzuführen sind.[8, 20]
Die Validität der Erfassung bei Komorbidität bleibt eine anhaltende Kontroverse: Bei Veteranen deutet die geringe Übereinstimmung zwischen verschiedenen ADHD-Messungen (retrospektiver WURS-25, frühere Diagnose und ASRS-v1.1 für das Erwachsenenalter) darauf hin, dass Symptomüberschneidungen und retrospektive Attributionen die Screening-Leistung bei traumatisierten Gruppen beeinträchtigen können. Dies erhöht die Notwendigkeit von Fremdanamnesen und einer sorgfältigen diagnostischen Formulierung.[9]
Eine weitere Lücke besteht darin, dass einige Unterscheidungsmerkmale in der frühen Kindheit weniger verlässlich sind, da PTSD-Symptome dort unspezifisch sein können (Ruhelosigkeit, Reizbarkeit, Unaufmerksamkeit) und eine ADHD imitieren. Dies macht den Bedarf an entwicklungssensitiven Diagnosealgorithmen insbesondere für Kinder im Vorschul- und frühen Schulalter besonders dringlich.[15]
Schließlich fordern mehrere Leitlinien und Fortbildungsquellen aus den Jahren 2024–2026 eine kontextreiche Traumaabklärung, da Traumatyp und -kontext das Risiko für eine PTSD/CPTSD beeinflussen. Diese Heterogenität erschwert es jedoch, eine universelle „Ausschluss-Checkliste“ für Trauma versus ADHD zu erstellen, die über verschiedene Kulturen, Settings und Entwicklungsstufen hinweg verallgemeinerbar ist.[22, 31]
8. Fazit
Bei der Fragestellung „ADHD oder Trauma“ stützt die neueste Evidenz aus den Jahren 2024–2026 die Betrachtung des Problems als Differenzialdiagnose sich überschneidender Symptome mit unterschiedlichen Ursachen. Die verlässlichsten Unterscheidungsmerkmale sind dabei die Traumaexposition, eine triggerabhängige Symptomdynamik sowie das Vorliegen PTSD/CPTSD-definierender Cluster (Intrusion, Vermeidung, Hypervigilanz; bei CPTSD zudem Störungen der Selbstorganisation).[1, 5, 6, 17]
Da Komorbiditäten häufig sind (etwa 28% ADHD bei PTSD und 36% PTSD bei ADHD in einer systematischen Übersichtsarbeit von 2025), sollten Kliniker routinemäßig beide Störungen in Betracht ziehen und darauf screenen. Gleichzeitig gilt es zu erkennen, dass eine Traumaexposition die Angabe von Symptomen verändern und die ADHD-Erfassung erschweren kann. Eine multimethodische Diagnostik mit entwicklungsbezogener Absicherung und strukturierten Instrumenten stellt hierbei den sichersten Weg zu einer präzisen Diagnose und einer adäquaten Behandlungsplanung dar.[8, 9, 28, 29]

